Rüdiger Ziehl und der 1. FC Saarbrücken – Eine kritische Betrachtung

Es ist also ein neuer Manager vorgestellt worden beim 1. FC Saarbrücken. Rüdiger Ziehl, lange Jahre Nachwuchstrainer beim VfL Wolfsburg, zuletzt als Cheftrainer (mit Managerfunktion) mit dem TSV Havelse aus der 3. Liga abgestiegen, soll der neue starke Mann beim Traditionsverein an der Saar werden. Mit direktem Draht zum allmächtigen Präsidenten Hartmut Ostermann, weil dieser selbst oft abwesend ist.

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Soweit so gut. Für Trainer Uwe Koschinat und seinen Co Bernd Heemsoth bedeutet das erst mal nicht viel. Sie tragen die Verantwortung auf dem Platz und das soll/muss auch so bleiben. Da ändert auch die Tatsache nichts, dass Ziehl bei seiner doch eher holprigen Vorstellung vor 2 Tagen beteuert hat, dass er ‚vordergründig‘ nicht zum FCS gekommen ist, um Trainer oder Sportdirektor zu werden. 

Dennoch stellen sich Fragen, die der Club zeitnah beantworten sollte, um keine weitere Unruhe aufkommen zu lassen:

Auf welcher Gehaltsliste steht Rüdiger Ziehl? Die Frage ist insofern interessant, da ein neuer Mitarbeiter in leitender Position nicht ‚drei Mark fuffzich‘ verdienen dürfte, sondern deutlich mehr. Budget, welches in der Jahresplanung nicht eingestellt wurde. Die Tatsache, dass der Aufsichtsrat (zumindest große Teile des Rates) nicht über die Personalie informiert war, es über ein solches Zusatzbudget Kraft ihres Amtes aber eigentlich hätte sein müssen, wenn Ziehl direkter Angestellter des e.V. wird, lässt möglicherweise darauf schließen, dass er – wie an anderen Beispielen in Sachen Club-Bediensteter schon praktiziert – bei der Victor’s Gruppe von Hauptsponsor und Präsident Ostermann angestellt wurde. Das wiederum könnte bei der spätestens Ende des Jahres anstehenden Berufung eines Vize-Präsidenten auch die Variante offen lassen, dass Ziehl sich diesem Amtes annehmen könnte. Denn: Das Präsidium des FCS ist ehrenamtlich tätig, bedeutet also: es gibt kein Salär. Schwer hier einen neuen FCS-verrückten ausgewiesenen Fußballfachmann à la Dieter Ferner zu finden, der sich das Amt des Vizes ‚für lau‘ antun möchte. Ziehl könnte somit – als Angestellter von Victor’s – Vizepräsident werden und trotzdem Gehalt beziehen. Dazu passt: Über Vertragsinhalte wollte Ziehl bei seiner Vorstellung nicht sprechen – er wird wissen warum.

Neuer ‚Manager‘ des 1. FC Saarbrücken: Rüdiger Ziehl – Rüdiger Ziehl – Bild: YouTube VfL Wolfsburg TV

Dieser Umstand erklärt dann jedoch nicht, warum er per sofort weisungsbefugt gegenüber Jürgen Luginger und Uwe Koschinat sein soll. Denn ‚Manager‘ ist ein weitereilender Begriff. Galt Manager damals als Gütesiegel, nennen sich heutzutage viele Manager – ohne diese Funktion im Sinne des Begriffes auszuüben. Wenn Ziehl Vizepräsident werden sollte, dann hätte er gleichwohl eine leitende Funktion im Verein. In diesem Fall wäre diese Aussage legitim. Aber: Dafür müsste der bei der anstehenden Mitgliederversammlung neu zu wählende Aufsichtsrat ihn erst mal zum Vize ernennen. Mehrheiten im aktuellen Aufsichtsrat könnte es für diese Maßnahme geben. Kritische Positionen gibt es in diesem Gremium aber eben auch. Hat er hingegen als Angestellter von Victor’s keine echte Position im Verein, dann ist er auch nicht weisungsbefugt. Jedenfalls nicht direkt.

Und da wäre auch noch die ‚Fischer-Posse‘. Lang hing der FCS-Geschäftsführer in Sachen Vertragsverlängerung in der Luft. Der ursprüngliche Kontrakt von Fischer lief zum Saisonende 2021/22 aus. Kurz vor Saisonbeginn stattete der Club (in Person des Präsidiums) Fischer dann mit einem neuen Einjahresvertrag aus. Nur ein Jahr? Die Begründung schien plausibel: Das Präsidium hat eben nur noch eine offizielle Amtszeit bis Ende Dezember (spätestens so lange, bis der neu gewählte Aufsichtsrat ein neues Präsidium bestellt). Dass man als scheidendes Präsidium seinen möglichen Nachfolgern keine langfristigen Verträge leitender Angestellte übergibt ist eine vorausschauende Geste. Dass man nun aber, rund 3 Monate vor der Wahl, einen Top-Vereinsfunktionär mit einem längerfristigen Vertrag ausstattet, ist gelinde und auf saarländisch gesagt, „die Leit veräppelt“. Sicherlich: Die Mehrheiten im Aufsichtsrat scheinen dahingehend verteilt, dass Ostermann und Weller mit ziemlicher Sicherheit wieder gewählt werden, sollten sie sich entscheiden weiter zu machen. Dennoch trägt die Entscheidung Ziehl klammheimlich – und entgegen der bei Fischer getätigten Argumente – zu installieren nicht zum Wohlempfinden und zum Vertrauenserhalt vieler Mitglieder (und auch Fans) bei. Und auch bei Mitarbeitern und Funktionären des Clubs sorgte diese ‚Überraschung‘ für mindestens heftiges Kopfschütteln.

FCS-Präsident Hartmut Ostermann und Schatzmeister Dieter Weller

Möglich ist aber auch: Ziehl soll gar kein Vize werden. Das würde dem Präsidium (oder besser dem Präsidenten) die Möglichkeit geben, einen Vize vorzuschlagen, der nicht aus dem sportlichen Bereich kommt. Denn ein weiterer Sportprofi würde dem Ganzen auch die Krone aufsetzen, hätte man ja dann einen Vize-Präsidenten Sport, einen ‚Manager‘, einen Sportdirektor und einen Cheftrainer. So kann der Club eine Person wählen, die möglicherweise aus einem ganz anderen Bereich kommt. Denn bei nun drei Schwergewichten für den sportlichen Bereich (garniert mit der Kompetenz von gar 3 weiteren Ex-Profis im Aufsichtsrat) steht im Bereich Kommunikation/PR oder im Bereich Marketing kein eigener Vereinsangestellter auf der Lohnliste. Diese Positionen sind ebenfalls durch Victor’s Mitarbeiter besetzt. Die machen auch keinen schlechten Job, dennoch: Zusätzliche Vollzeitkräfte die sich rein und ausschließlich um die oben genannten Themen kümmern, würden einem Profiverein wie der 1. FC Saarbrücken es ist, gut zu Gesicht stehen.

Vor allem der Bereich Vertrieb (Sponsoren- und Rechtevermarktung) liegt bei Blauschwarz komplett brach, wird von Geschäftsführer Fischer und Schatzmeister Weller neben vielem anderen Aufgaben mit betreut. Das erscheint mehr als suboptimal. Sicherlich: Der Run auf Sponsoring beim FCS ist gerade hoch: Neues Stadion, vor zwei Jahren der Aufstieg, 10.000 Zuschauer pro Spiel etc. Aber: Nichts hält für immer. Und so sollte man auch hier vorbeugen und eine Person installieren, die das Gehör der bestehenden Sponsoren findet, der sich aber auch ein Netzwerk an neuen potenziellen Großsponsoren aufbaut – auch über die Grenzen des Saarlandes hinaus. Das geht nicht von heute auf morgen und ein wenig vorausschauend sollte ein großer Club, wie der FCS es ist, schon denken. Für den Fall der Fälle. Das hat nun zugegebenermaßen nichts mit Ziehl zu tun… oder etwa doch? Budgets sind in einem Verein nun mal arg begrenzt. Und es wird höchste Zeit, dass beim 1. FC Saarbrücken auch mal in Steine statt in Beine investiert wird. Zumal der Verein derzeit weiterhin ungeschlagen auf Platz 3 in der Liga steht und die Tendenz weiter nach oben zeigt. Wäre das Geld für den quasi zweiten sportlichen Leiter daher vielleicht nicht besser für o. g. Personal auf der Geschäftsstelle deutlich besser angelegt? Fakt ist: Sportlicher Erfolg ist die beste Nahrung um neue Sponsoren zu werben, VIP-Kunden zu begeistern, neue Fans ins Stadion zu bringen. Hier muss im Erfolg vermehrt der Hebel angesetzt werden, während eine Änderung der Grundstruktur im sportlichen Bereich im Zeichen einer sehr erfolgreichen Phase ordentlich Unruhe in ein Gefüge bringen könnte.

Präsident Ostermann schweigt sich zur Personalie Ziehl aus. Das ist aus seiner Sicht legitim, denn wer die Party schmeisst, darf auch bestimmen, welche Musik gespielt wird und eben auch wer die DJs sind. Einen mindestens leicht faden Beigeschmack hat es dennoch.

Spätestens Anfang 2023 wird man schlauer sein.

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