Personalisierte Medizin: Warum Behandlungen bei jedem Menschen anders wirken können

Zwei Menschen nehmen dasselbe Medikament in derselben Dosis ein, und trotzdem berichten sie von völlig unterschiedlichen Erfahrungen. Während die eine Person spürbare Linderung erlebt, merkt die andere kaum etwas oder kämpft mit unangenehmen Nebenwirkungen. Was im Alltag oft als Zufall abgetan wird, hat in vielen Fällen nachvollziehbare biologische Gründe.

Lange orientierte sich die Medizin an Durchschnittswerten, also an der Frage, wie ein Wirkstoff bei den meisten Menschen wirkt. Die personalisierte Medizin verfolgt einen anderen Ansatz und möchte Therapien stärker an die individuellen Voraussetzungen jedes Einzelnen anpassen. Dabei geht es nicht um exotische Spezialfälle, sondern um ganz alltägliche Medikamente, die Millionen Menschen regelmäßig einnehmen.

Die Gene bestimmen, wie der Körper Medikamente verarbeitet
Ein entscheidender Faktor liegt in der Leber: Dort sorgen bestimmte Enzyme dafür, dass Wirkstoffe umgewandelt und schließlich ausgeschieden werden. Wie aktiv diese Enzyme arbeiten, ist zu einem großen Teil genetisch festgelegt und unterscheidet sich von Mensch zu Mensch teils erheblich. Wer einen Wirkstoff besonders langsam abbaut, hat unter Umständen deutlich höhere Mengen davon im Blut und reagiert empfindlicher.

Wer ihn dagegen sehr schnell verstoffwechselt, spürt bei einer normalen Dosis möglicherweise kaum eine Wirkung. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von Pharmakogenetik.

Bekannt ist dieses Prinzip unter anderem bei manchen Schmerzmitteln, Blutverdünnern und Antidepressiva. Dass sich dieses Wissen praktisch nutzen lässt, zeigt eine große europäische Studie im Fachjournal The Lancet mit fast 7.000 Patientinnen und Patienten aus sieben Ländern. Wurde die Medikation anhand eines Gentests mit zwölf Genen angepasst, traten rund 30 Prozent weniger klinisch relevante Nebenwirkungen auf. Gentests gehören in Deutschland dennoch bisher nur in bestimmten Fällen zur Routine.

Auch Alter, Lebensstil und andere Medikamente spielen eine Rolle
Neben den Genen beeinflussen viele weitere Faktoren, wie ein Wirkstoff im Körper ankommt. Dazu zählen das Körpergewicht, das Alter, die Funktion von Leber und Nieren sowie andere Medikamente, die gleichzeitig eingenommen werden. Manche Wirkstoffe bremsen oder beschleunigen den Abbau anderer Präparate, was die Wirkung spürbar verändern kann. Auch Ernährung, Schlaf, Stress und die eigene Erwartungshaltung können das Empfinden prägen. Hinzu kommt, dass sich viele dieser Faktoren im Laufe des Lebens verändern, sodass eine Therapie, die früher gut funktioniert hat, irgendwann angepasst werden muss.

Für die Praxis bedeutet das, dass Ärztinnen und Ärzte eine Behandlung häufig schrittweise einstellen. Die Dosis wird vorsichtig begonnen, die Reaktion beobachtet und die Therapie bei Bedarf verändert. Dieses Vorgehen wirkt manchmal langwierig, ist aber oft der zuverlässigste Weg zu einer Behandlung, die wirklich passt. Bei mehreren gleichzeitig eingenommenen Medikamenten lohnt sich zudem ein regelmäßiger Blick auf die Wechselwirkungen.

Medizinisches Cannabis zeigt das Prinzip besonders deutlich
Ein anschauliches Beispiel für unterschiedliche Reaktionen ist medizinisches Cannabis, das in Deutschland seit 2017 ärztlich verordnet werden kann. Für den Abbau von THC spielt das Leberenzym CYP2C9 eine zentrale Rolle.

Eine Studie der Universität Göttingen ergab, dass Personen mit einer bestimmten Genvariante nach der Einnahme von THC etwa dreimal so hohe Wirkstoffmengen im Blut aufwiesen wie Personen mit der häufigsten Variante. Zudem zeigten Träger dieser Variante eine Tendenz zu stärkerer Müdigkeit.

Bei Cannabisblüten kommt hinzu, dass jede Sorte ein eigenes Profil aus Cannabinoiden und Terpenen hat. Manche Patientinnen und Patienten kommen mit einer sativa-betonten Sorte wie Amnesia Haze gut zurecht, andere bevorzugen klassische Indica-Sorten wie Northern Lights.

Wieder andere landen nach einigen Versuchen bei einer kräftigen, Indica-dominanten Blüte wie Moonrocks, die mit rund 25 Prozent THC zu den stärkeren Sorten zählt. Welche Sorte am besten passt, lässt sich nicht pauschal sagen und sollte gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt herausgefunden werden.

Fazit: Personalisierte Medizin braucht Geduld und ärztliche Begleitung
Dass dieselbe Behandlung bei verschiedenen Menschen unterschiedlich wirkt, ist kein Zeichen von Versagen, sondern ein Hinweis auf die biologische Vielfalt des menschlichen Körpers. Genetische Unterschiede im Stoffwechsel, individuelle Lebensumstände und die Wahl des Präparats greifen dabei ineinander.

Die Forschung steht in vielen Bereichen noch am Anfang, liefert aber bereits wertvolle Hinweise für sicherere Therapien. Gentests, digitale Gesundheitsdaten und eine genauere Dokumentation könnten Behandlungen künftig noch gezielter machen. Wer eine neue Behandlung beginnt, sollte deshalb die eigenen Erfahrungen genau beobachten und offen mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt darüber sprechen.

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