Die Toten Hosen reißen den Bostalsee ab – von Abschied keine Spur
Nohfelden – Abschiedstour? Zielgerade? Karriereende? Wer Die Toten Hosen am Wochenende am Bostalsee erlebt hat, dürfte sich bei diesen Schlagworten verwundert die Augen gerieben haben. Gleich an zwei Abenden verwandelten Campino, Andi, Breiti, Kuddel und Vom das Open-Air-Gelände im nördlichen Saarland in eine riesige Punkrock-Party. Und von musikalischer Altersmüdigkeit oder Abschiedsstimmung war dabei rein gar nichts zu spüren.
Dabei trägt die aktuelle Tour durchaus einen Namen, der Raum für Spekulationen lässt: „Trink aus! Wir müssen gehen“. Von Juni bis September 2026 führt die Konzertreise die Düsseldorfer durch große Stadien und Open-Air-Arenen, bevor am 12. September in Wien der große Tourabschluss ansteht. Rund um die Tour wird immer wieder darüber gesprochen, dass die inzwischen mehr als vier Jahrzehnte währende Karriere der Band auf die Zielgerade gehen könnte. Am Bostalsee allerdings klang nichts danach, als wollten die Hosen schon bald die Instrumente aus der Hand legen.
Für die Band war es längst kein unbekanntes Terrain. Insgesamt sechs Auftritte haben Die Toten Hosen inzwischen am Bostalsee absolviert. Schon bei früheren Gastspielen setzten die Punkrocker auf Doppelkonzerte – und auch diesmal bekamen die Fans an zwei aufeinanderfolgenden Abenden ein volles Programm serviert.
Dabei machten es sich die Hosen keineswegs einfach und spielten an beiden Tagen nicht schlicht dieselbe Show herunter. Schon der Einstieg setzte unterschiedliche Akzente: Am Freitag eröffneten sie mit dem frühen Kultklassiker „Opel-Gang“, am Samstag fegte „Strom“ als energiegeladener Auftakt über das Gelände. Auch danach unterschieden sich die Setlists immer wieder deutlich.
Während am Freitag unter anderem „Was zählt“, „Nur nach vorn“, „Seelentherapie“, „Warten auf Dich“, „Kein Alkohol (ist auch keine Lösung)!“ und „Kamikaze“ zu hören waren, standen am Samstag beispielsweise „Paradies“, „Willkommen in Deutschland“, „Unter den Wolken“, „Ertrinken“, „Alles was war“ und „Zehn kleine Jägermeister“ auf dem Programm. Damit lohnte sich der Doppelbesuch auch für jene Fans, die sich gleich für beide Abende Tickets gesichert hatten.
Natürlich fehlten die ganz großen Hosen-Hymnen nicht. Bei „Bonnie & Clyde“, „Alles aus Liebe“, „Pushed Again“, „Wünsch DIR was“, „Hier kommt Alex“ und spätestens bei „Tage wie diese“ sang das Publikum aus tausenden Kehlen mit. Dazu wurde getanzt, gesprungen und vor der Bühne kräftig gepogt. Auch die Ärzte-Hymne „Schrei nach Liebe“ gehörte an beiden Abenden zum Programm.

Dass das Publikum noch lange nicht genug hatte, zeigte sich nach dem vermeintlichen Ende der regulären Show. Gleich drei Mal ließen sich Campino und seine Mitstreiter aus dem Backstagebereich zurück auf die Bühne schreien. Am Freitag standen am Ende satte 35 Programmpunkte inklusive Intro und Outro auf der Liste, am Samstag waren es ebenfalls 35.

Der Freitag hatte zuvor um 18 Uhr mit dem Vorprogramm begonnen, nachdem das Gelände ab 16 Uhr geöffnet worden war. Die Toten Hosen selbst betraten gegen 20.25 Uhr die Bühne. Mit dabei waren als Support Sondaschule und Thees Uhlmann. Am Samstag ging es bereits eine Stunde früher los: Einlass war um 15 Uhr, Konzertbeginn um 17 Uhr. Bevor die Hosen gegen 20.30 Uhr übernahmen, heizten LaBrassBanda, Deine Cousine und Leftovers dem Publikum ein.
Und auch das Wetter spielte an beiden Tagen mit. Beste Voraussetzungen also für zwei lange Open-Air-Abende, bei denen die Fans bis zum Schluss auf dem Gelände blieben. Gerade dieser Schluss geriet ungewöhnlich emotional.

Nachdem am Freitag unter anderem noch „Eisgekühlter Bommerlunder“ und am Samstag „Trink aus“ erklungen waren, gehörte „You’ll Never Walk Alone“ an beiden Abenden zu den letzten großen gemeinsamen Momenten von Band und Publikum. Doch Campino setzte noch einen drauf: Zum endgültigen Abschied stimmte er „Ich liebe das Leben“, bekannt durch Vicky Leandros, an.
Und plötzlich sang der ganze Bostalsee mit. Kaum jemand machte sich vorzeitig auf den Heimweg. Das Publikum blieb, sang lautstark weiter und begleitete Campino damit bis zu dem Moment, an dem der Frontmann schließlich die Bühne verließ.

So endete ein Doppelkonzert, das zwar Teil einer Tour mit dem vielsagenden Titel „Trink aus! Wir müssen gehen“ war – sich aber überhaupt nicht nach Gehen anfühlte. Die Hosen präsentierten sich spielfreudig, energiegeladen und bestens aufgelegt, das Publikum feierte vom ersten bis zum letzten Song.

Sollte die große Karriere der Düsseldorfer Punkrocker tatsächlich irgendwann auf ihre Zielgerade einbiegen, war davon am Bostalsee jedenfalls wenig zu merken. Nach diesen beiden Abenden dürfte bei vielen Fans eher ein anderer Eindruck hängen geblieben sein: Die Toten Hosen sind noch lange nicht leise. JETZT den neuen Blaulichtreport Saarland WhatsApp-Kanal abonnieren und IMMER DIREKT auf dem Laufenden bleiben (hier klicken)



