Timo Lennart † (19) – „Zu schnell. Zu ungeschützt. Zu spät“

Neunkirchen / Bruchmühlbach-Miesau – Sie war viele Jahre selbst im Einsatz, kennt das Blaulicht, den Schockmoment, das Schweigen danach: Jessica Krämer, 35, ehemalige Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr Bruchmühlbach-Miesau, lebt heute im saarländischen Neunkirchen und hat mit einem fiktiven Text ein literarisches Mahnmal gegen Unachtsamkeit und Leichtsinn im Straßenverkehr geschaffen.

Unter dem Titel „Zu schnell. Zu ungeschützt. Zu spät.“ schildert sie die Perspektive eines verunglückten Motorradfahrers – vom letzten Gefühl der Geschwindigkeit bis zum stillen Eintreffen der Einsatzkräfte. Was zunächst wie eine persönliche Geschichte klingt, basiert in Wahrheit auf unzähligen Einsatzerfahrungen und Beobachtungen, wie sie Feuerwehrleute, Rettungskräfte und Polizisten regelmäßig machen.

Ich wollte den Menschen zeigen, wie sich so ein Moment wirklich anfühlen könnte – jenseits von Blaulicht und Statistik. Der Text ist fiktiv, aber erschreckend realistisch.
Jessica Krämer.

Im Fokus steht nicht nur das Verhalten der Motorradfahrer selbst, sondern auch das Erleben der Einsatzkräfte, die mit den Folgen oft allein zurückbleiben. Gerade in Zeiten sinkender Nachwuchszahlen bei der Feuerwehr sei es wichtig, auch über die emotionale Seite des Ehrenamts zu sprechen, so Krämer.

📍Hier der Text:

𝐓𝐢𝐦𝐨 𝐋𝐞𝐧𝐧𝐚𝐫𝐭 † (𝟏𝟗)

Zu schnell. Zu ungeschützt. Zu spät.

Ich spüre den Fahrtwind, den Druck auf der Brust, den vibrierenden Lenker unter meinen Händen, das grelle Licht, das durch den Visor bricht. Ich sitze auf meinem Motorrad. Eine schmale Landstraße, kaum befahren, eingerahmt von Feldern, die in der Nachmittagssonne wie verbranntes Gold wirken. Die Maschine unter mir wummert, lebt, keucht bei jedem Gasstoß. Die Tachonadel zittert bei 120, dann 130. Der Fahrtwind reißt an meiner Jacke, fühlt sich an wie Finger aus Luft, die versuchen, mich vom Sitz zu zerren. Ich sehe den Asphalt unter mir verschwimmen, dunkle Streifen und Teerrisse ziehen sich unter dem Vorderrad entlang wie verwundete Adern. Die Straße flackert vor Hitze, flimmert wie eine flache Wunde im Sonnenlicht, und alles fühlt sich plötzlich zu schnell an, zu direkt, zu echt. Ein Traktor erscheint am Horizont, wächst in Sekundenschnelle zu einem massiven grünen Block, der einfach da ist, viel zu nah, viel zu weit auf meiner Spur, als hätte jemand es in die Realität geklebt. Er blinkt links, steht schräg zur Straße, will abbiegen, aber ich weiß in dem Moment, in dem mein Hirn das registriert, dass er mich nicht gesehen hat. Ich ziehe den Lenker reflexartig nach rechts, ohne nachzudenken, mehr getrieben von etwas Tieferem als Logik, ein Urinstinkt, der dem Tod gerade noch einen Schritt voraus sein will. Doch es ist keine offene Wiese neben mir, kein sauberer Auslauf, sondern nur der schmale Seitenstreifen aus Kies und Dreck, mit wildem Gras, leeren Dosen, zerborstenen Glasstücken und allem, was nicht für Geschwindigkeit gedacht ist.

Der Vorderreifen gerät in den lockeren Untergrund, gräbt sich ein, verliert den Grip. Für einen Moment scheint die Maschine unter mir zu schweben, schwerelos, dann zieht es das Heck herum, ein brutaler Ruck geht durch das gesamte Fahrwerk, und mein ganzer Körper spürt, wie die Kontrolle sich verabschiedet. Das Motorrad bricht quer aus, die Schräglage reißt mich mit, ich spüre das Gewicht der Maschine auf dem Bein, der Stiefel schleift, dann kratzt mein linker Fuß direkt über den Asphalt. Es fühlt sich an, als würden mir bei lebendigem Leib meterlange Drahtbürsten durch die Wade gepresst. Ich schreie nicht, ich kann nicht… mein Körper funktioniert nur noch im Reflex. Ich werde vom Sitz gerissen, spüre noch kurz die Reste von Kontakt zu den Griffen, dann schleudert mich die Fliehkraft über die Straße wie einen Sack Knochen. Der Helm schlägt zuerst auf. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem dumpfen, massiven Schlag, der mir das Licht im Kopf ausschaltet, aber mich nicht ohnmächtig macht. Ich bleibe bei Bewusstsein, mit zerschmettertem Gleichgewichtssinn und einem Kreischen in den Ohren, das alles andere übertönt. Mein Nacken biegt sich so stark zurück, dass ich kurz das Gefühl habe, mein Rücken würde sich durchbrechen, wie ein zu fest gespannter Drahtseilzug. Ich überschlage mich, vielleicht einmal, vielleicht drei Mal, ich kann es nicht zählen, weil alles zu schnell ist, zu hart, zu roh. Der letzte Aufprall ist wie ein Erdbeben.

Ich knalle auf den Rücken, die Lunge klappt zusammen, die Luft entweicht mit einem schmerzhaften Röcheln, und mein Brustkorb fühlt sich an, als hätte man ihn mit einem Presslufthammer bearbeitet. Ich bleibe liegen, einfach liegen. Kein Reflex mehr, kein impuls zum Aufstehen, nur das dumpfe Wissen, dass etwas sehr falsch ist. Mein Helm ist weg. Ich hatte den Riemen nicht geschlossen. Ich wollte nur kurz spontan eine Runde drehen. Das Bike war erst frisch aus der Inspektion gekommen, lief endlich wieder sauber. Einfach mal durchatmen, Motor hören, bisschen Wind im Gesicht. Jetzt brennt mir der Asphalt direkt am Schädel, und mein eigenes Stöhnen klingt, als käme es von ganz weit weg. Mein Rücken brennt, kein stechender Schmerz, sondern ein tiefes, flächiges Brennen, das durch Jacke, Shirt und Haut gleichzeitig zu gehen scheint. Der Stoff ist weg, aufgerissen, verschmolzen mit der Haut. Ich schmecke Blut. Metallisch, dick, schleimig. Es kommt aus meinem Mund, rinnt an meinem Kinn hinunter, sickert mir in den Kragen. Mein rechter Arm liegt seltsam verdreht, taub, die Finger zucken nur noch schwach. Ich versuche, mich zu bewegen, aber jeder Muskel fühlt sich an, als wäre er verkohlt. Der Traktor, der mich übersehen hat, kommt zum Stehen. Die Fahrertür fliegt auf. Schritte. Stimmen. Jemand schreit: „Scheiße, scheiße!“als könnte das irgendetwas ändern. Ich kann den Kopf nicht drehen, aber ich sehe eine Silhouette näherkommen, gebückt, hastig. Eine Frau, rotes Haar, weite Augen, bleich wie Papier. Sie kniet sich neben mich, spricht irgendwas, doch ich höre nur einzelne Worte durch das Rauschen in meinem Schädel. Ihre Hände sind plötzlich an meinem Brustkorb, warm, zitternd, hektisch tastend, und dann drückt sie irgendwo auf meiner Seite, dort, wo der Schmerz sofort explodiert. Ich will aufschreien, aber es kommt nur ein dumpfes Gurgeln aus meinem Mund.

Ich sehe ihren Blick, er verändert sich. Von Hoffnung zu Angst. Von Angst zu Gewissheit. Ich weiß nur, dass sie weint, dass ihre Hände sich mit meinem Blut vollsaugen und dass meine Sicht immer dunkler wird, immer enger, als würde jemand einen Vorhang langsam zuziehen. Aber ich kann den Mund nicht mehr bewegen. Ein Auto hält mit quietschenden Reifen. Ein junger Mann springt heraus, kaum älter als Anfang zwanzig, mit einem roten Verbandkasten in der Hand. Er wirkt blass und überfordert, aber entschlossen. Hektisch reißt er den Kasten auf, wirft Pflaster und Dreieckstücher zur Seite, bis er sterile Kompressen und Mullbinden in die Finger bekommt. Keine Handschuhe, keine Desinfektion, dafür ist keine Zeit. Mit zittrigen Händen reicht er das Material der jungen Frau. Sie hat knallrote Hände von meinem Blut. Ihre Stirn glänzt vor Schweiß, aber sie lässt nicht locker. Mit zitternden Händen drückt sie auf die blutende Wunde an meiner Seite, versucht verzweifelt, die pulsierende Blutung zu stoppen. Immer wieder rutschen ihre Finger an der nassen Haut ab, doch sie macht weiter, presst Kompressen nach, als könnte sie damit das Leben in mir festhalten. Ich bin müde. Meine Augen brennen, alles verschwimmt. Ich will nur kurz die Lider schließen, aber die Frau flüstert eindringlich: „Nicht schlafen. Bleib bei mir, hörst du?“ Ich versuche zu nicken, aber mein Kopf sinkt trotzdem weg. Es ist wie durch Nebel. Die Stimmen werden dumpfer. Nur ganz weit weg schreit jemand, dass ich die Augen aufmachen soll. Dann zerreißt der Klang der Martinshörner die Stille wie ein Messer. Mehrere Sirenen, näherkommend. Das Dröhnen wird lauter, schneller, aggressiver, als wollte es mich wachrütteln.

Ich blinzele, meine Sicht flackert. Durch meine halbgeschlossenen Augen sehe ich Lichter, blaues Flackern, rotierende Blinklichter, blinkende Warnleuchten auf Asphalt. Feuerwehrfahrzeuge rollen an, ein Notarztwagen, ein RTW. Türen schlagen auf, Menschen springen heraus. Zwei Feuerwehrleute laufen auf mich zu. Einer kniet sich zu mir runter. „Ich bin von der Feuerwehr, wir kümmern uns jetzt. Wie heißt du?“ Ich schaffe es kaum zu antworten. Meine Lippen bewegen sich, aber mein Hals ist trocken. Stattdessen ein Röcheln. Ich spüre Druck, ein dumpfes Ziehen an meiner Seite, irgendwo unter der Jacke, und dann dieses kalte Gefühl, wenn die Luft plötzlich meine Haut berührt. Die Jacke wird aufgeschnitten, das Reißverschlussgeräusch klingt scharf in meinen Ohren, gefolgt vom Rascheln des Stoffes, als jemand mein Shirt aufreißt. Kälte schlägt mir entgegen, ich friere, aber gleichzeitig brennt alles in mir, besonders mein rechter Oberschenkel, der sich anfühlt, als würde er gleich platzen. Ich will schreien, doch es kommt kein Laut, nur ein Keuchen, ein Röcheln vielleicht, das irgendwo zwischen mir und der Welt hängt. „Wir brauchen Zugang zur Wunde, der Oberschenkel blutet stark!“, höre ich jemanden rufen, die Stimme klingt fern, wie durch Wasser.

Ein anderer Feuerwehrmann, greift nach meiner Hand und hält sie fest, sein Griff ist fest und bestimmt, fast wie ein Anker in dem Chaos um mich herum. „Du musst Wach bleiben, hörst du? alles wird wieder gut.“, sagt er, seine Stimme ist laut, fordernd, aber trotzdem beruhigend. Ich will ihm glauben, doch meine Gedanken taumeln, reißen ab, flackern wie ein alter Film, der ruckelt und hängen bleibt. Ein Sanitäter kommt, bringt eine Infusion, setzt eine Nadel in meinen linken Arm, ich spüre den kurzen, stechenden Schmerz kaum, als die Kanüle in die Vene gleitet, dann fühlt sich alles stumpf an, taub und fremd, als läge mein Körper nicht mehr ganz bei mir. „Volumenmangel“, höre ich, das Wort klingt wie ein dumpfer Schlag, dann „RR sinkt“, und die hektische Forderung „Wir brauchen den Notarzt, sofort!“ Ein tiefes Brummen beginnt über mir, das sich langsam zu einem lauten Dröhnen steigert, der Wind wird stärker, Staub und trockene Blätter wirbeln um mich herum, als ein gelber Helikopter weiter vorne irgendwo landet.

Die Rotoren schlagen kräftig, werfen Schatten, die sich wild über die Straße bewegen. Ich will mich bewegen, doch mein Körper gehorcht nicht mehr, meine Beine sind taub, mein linker Arm fühlt sich fremd an, als wäre er nicht mehr Teil von mir. Hände heben mich auf eine Trage, schnallen Gurte über Brust und Hüfte, mein Kopf wird gestützt, aber ich spüre nur das Schwanken, das Wackeln. Ich höre das dumpfe Geräusch der Rotoren, den langsamen, flachen Herzschlag in meinem Ohr, der immer schwächer wird. „Puls fast weg!“, schreit jemand, die Stimme klingt panisch, fordert sofortiges Handeln. Ein Notarzt ist bei mir, schweißüberströmt, atemlos, ruft „Adrenalin!“ und zieht die Spritze auf. Über den bereits gelegten Zugang injiziert er das Medikament, ich spüre, wie die Flüssigkeit in meinen Körper schießt. Für einen Moment wird alles hell, mein Blick flackert, ich sehe den Himmel, grau und leer, die Wolken regungslos, als hielten sie den Atem an. Ich fühle nichts mehr, keinen Schmerz, keinen Klang, nur ein dumpfes, langsames Pochen tief in mir, das leise verstummt. „Puls weg!“, schreit jemand, panisch, hektisch. Stimmen drehen sich, Hände arbeiten fieberhaft, doch da ist nichts mehr. Keine Reaktion. Nur das monotone Piepen des Monitors, das schriller wird, dann ganz verstummt. Die Rotoren drehen, der Hubschrauber ist schon am Boden, bereit zum Start. Ich spürte noch, wie sie mich behutsam auf die Trage legten, und trotzdem wusste ich, dass ich nicht mitfliegen werde…

Kein Aufschrei. Keine Tränen. Nur die unbarmherzige Stille. Dann ist alles vorbei.

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